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blog / Donnerstag 07.12.23

APA Check Avatar E-Autos bleiben auch im winterlichen Stau beheizt

APA/dpa/Symbolbild

Schnee ist in ganz Österreich das Gesprächsthema der letzten Tage, sogar die Bundeshauptstadt ist in winterliches Weiß gehüllt. Doch derartiges Wetter soll auch die Risiken umweltfreundlicher Technologien aufzeigen, behaupten einige User (1,2). E-Autos würden durch das Heizen nämlich so viel Energie aufbrauchen, dass ein mehrstündiger Stau zu einer ernsthaften Gefahr werden könne. Glücklicherweise ist dies fern von der Realität.

Einschätzung: E-Autos können auch im winterlichen Stau über viele Stunden ausreichend beheizt bleiben.

Überprüfung: Als „größten Betrug“ bezeichnen User auf Social Media die Versuche, Elektromobilität als Alternative zu Benzinern schmackhaft zu machen. In ihrem beschriebenen Gedankenexperiment würden die Batterien von E-Autos bei einem dreistündigen Stau in einem Schneesturm leer werden, die Straßen würden mit liegengebliebenen Autos verstopfen und selbst die Rettungsdienste würden nicht mehr eingreifen können, weil sie teils selbst mit E-Autos ausgestattet seien. „Natürlich spricht kein Politiker oder Journalist darüber“, heißt es im Fazit.

Dass tatsächlich kein Politiker oder Journalist über eine derartige Gefahr berichtet, liegt eher daran, dass die Behauptungen jedweder Grundlage entbehren. Selbst wenn in einem Stau alle Fahrzeuge E-Autos wären, würden nach drei Stunden nur diejenigen liegenbleiben, die bereits mit sehr schwacher Batterie reingekommen wären.

Darüber sind sich auch alle Experten einig, die von der APA kontaktiert wurden. „Richtig ist, dass ein E-Auto im Winter insgesamt mehr Energie benötigt. So wie übrigens auch Diesel- und Benzin-Pkw bei Kälte einen höheren Verbrauch haben. Steht ein E-Auto im Stau, ist der Stromverbrauch auch bei eingeschalteter Heizung gering, liegt bei etwa zwei bis vier Kilowattstunden pro Stunde. Die Angst, dass man mit einem E-Auto im Winter im Stau liegen bleibt, ist unbegründet“, sagt Lina Mosshammer, Expertin für E-Mobilität bei der Mobilitätsorganisation VCÖ auf Anfrage von APA-Faktencheck.

Ein Test von sieben E-Automodellen in der Kältekammer des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs (ADAC) bestätigte, dass überschaubare Energiemengen benötigt werden, um die Innenräume der Autos zu erwärmen. Die Spannweite reichte dabei von 1,5 bis 2,3 Kilowattstunden (3).

Zudem könnten E-Autos vorgeheizt werden, wenn sie noch an der Wallbox hängen, so der VCÖ. Unabhängig von der Staugefahr, der Jahreszeit und ob es sich um Verbrenner oder E-Motor handelt, empfiehlt die Organisation aber einen energiesparenden Fahrstil.

Batterien mit bis zu 100 Kilowattstunden

Auch Christian Klejna, Technik-Trainer für E-Mobilität beim ÖAMTC, bezeichnet die virale Behauptung als eine „Geschichte, die natürlich nicht stimmt“. Die Heizung bei E-Autos habe natürlich einen gewissen Verbrauch, aber die Batterien keine kleinen Kapazitäten mehr. Mittlerweile handle es sich um Batterien mit 40 bis 100 kWh. E-Autos könnten dadurch über längere Zeit beheizt werden, vor allem bei Stillstand. Bei ihnen existiere im Stau keine grundsätzliche Gefahr für die Insassen, zu erfrieren.

Auch bei Diesel/Benzin-Fahrzeugen könnte letztendlich der Tank ausgehen. Deshalb solle man im Stau generell darauf achten, ob man den Motor nicht abstellen könne. Man kann zudem die Heizleistung zurücknehmen und Energie sparen, so Klejna.

Liegengebliebene Autos gäbe es tatsächlich, sowohl bei Benzinern als auch bei E-Autos. Im Jahr 2023 hätten 2940 E-Fahrzeuge eine Pannenhilfe benötigt, davon handelte es sich bei nur drei Prozent um leere Antriebsbatterien.

Viele Stunden im Stau möglich

Der deutsche ADAC spricht von einem hartnäckigen Gerücht, dass behauptet wird, mit einem Elektroauto liefe man Gefahr, zu erfrieren (4). Die Heizung könne auch mit diesen Autos „bei eisiger Kälte problemlos mehrere Stunden auf Wohlfühltemperaturen laufen“. Der Verkehrsclub testete die Situation sogar mit zwei verschiedenen Modellen und kam zum Schluss, dass die Autos 15 bzw. 17 Stunden im Stau mit angeschalteter Heizung und Standlicht ausharren könnten.

Das Elektromobilitätsportal „EFAHRER“ berichtet ebenfalls mit Verweis auf unterschiedliche Artikel und Experimente, dass man im E-Auto längere Zeit warmgehalten werden kann, vor allem wenn man steht (5). Dabei wird folgende Faustregel angegeben: „Heizen verbraucht im E-Auto pro 10 Grad Temperaturunterschied etwa 1 Kilowatt Heizleistung“.

Darüber hinaus sei es aber laut ADAC unbestritten, dass die Energieverbräuche von Elektroautos im Winter signifikant höher seien (4). Bei drei getesteten Modellen ergaben sich Mehrverbräuche von 25 bis 31 Prozent. Aber auch bei Diesel und Benzinern müsse im Winter mehr Kraftstoff verbraucht werden, bei Benzinern im Mittel um plus 15 Prozent, bei Diesel um plus 24 Prozent.

Links

(1) Behauptung auf Facebook: https://go.apa.at/8ZotTdYn (archiviert: https://archive.is/IaZUP)

(2) Behauptung auf Twitter: https://go.apa.at/TFer4WsH (archiviert: https://ghostarchive.org/archive/gpszS)

(3) ADAC-Test zu Heizung in E-Autos: https://go.apa.at/TdmB2wdZ (archiviert: https://archive.is/EVpFB)

(4) ADAC über Reichweite von Elektroautos im Winter: https://go.apa.at/NU52MaU9 (archiviert: https://archive.is/tFUKT)

(5) Bericht bei „EFAHRER“: https://go.apa.at/YVajFzLP (archiviert: https://archive.is/OojDh)

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Florian Schmidt / Julie Walker