Website Suche (Nach dem Absenden werden Sie zur Suchergebnisseite weitergeleitet.)

Hauptinhalt

Sándor Békési, 23.6.2020

Der Neusiedlersee - fragile Natur aus zweiter Hand

„Meer der Wiener“ adé?

Erst entfremdeten manche Corona-Maßnahmen die Wiener und Wienerinnen vom nahe gelegenen größten See Österreichs. Nun befürchtet man seine Austrocknung. Doch das wäre in der Geschichte dieses Gewässers nichts Neues – und machte letztlich nur seine natürliche Dynamik wieder sichtbar. 

Der Neusiedler See ist eigentlich ein Steppensee, und als solcher unterscheidet er sich grundlegend von alpinen Seen. Sein Wasser ist meist trübe, es weist zudem einen relativ hohen Salzgehalt auf und ist nur an wenigen Stellen tiefer als 1,5 Meter. Er speist sich hauptsächlich durch Niederschläge und unterliegt damit starken natürlichen Wasserschwankungen. Dabei führen schon geringe Veränderungen im Volumen zu großflächigen Auswirkungen. Dies zeitigte im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Phasen von Niedrigwasser bis hin zur völligen Austrocknung – aber auch Überschwemmungen. So dehnte sich die Fläche des Neusiedler Sees um 1786 auf das anderthalbfache(!) aus und setzte damit weite Landstriche unter Wasser. Zwischen 1865 und 1870 trocknete er hingegen völlig aus. So war es damals möglich, trockenen Fußes den „See“ zu überqueren – zum Beispiel anlässlich einer Wallfahrt von Fertőrákos nach Frauenkirchen. Stellenweise begann man bereits, den Seeboden landwirtschaftlich zu nutzen.

Mit der Zeit wurden Niedrigwasserstände auch als Folge von anthropogenen Eingriffen immer häufiger. Das Oszillieren des Wassers ging zugleich mit einer Ambivalenz in der gesellschaftlichen Wahrnehmung des Sees einher. Das launische Gewässer wurde zu einem umkämpften Ort zwischen ästhetischer Überhöhung und purem Nützlichkeitsdenken. Während sich die einen am großen, fremdartigen See erfreuten, arbeiteten andere an seiner Beseitigung oder umgekehrt, an seiner Aufstauung. Im Zeitraum von Mitte des 17. bis Mitte des 20. Jahrhunderts gab es eine Vielzahl von Entwässerungs- und Regulierungsplänen für den Neusiedler See. So ist es eher dem Zufall zu verdanken, daß dieser als weitläufiges Gewässer erhalten ist. Um 1910 wurde der Einserkanal bis zum See verlängert, mit dem Ziel, nach dem Hanság (Waasen) auch diesen trockenzulegen. Der Plan mißlang zwar, doch zwei Drittel des Wasservolumens gingen dabei verloren. Mittlerweile dient der einzige Abfluß des Sees vielmehr zu dessen Erhaltung. Sein Wasserstand wird mittels Schleusenregelung stabilisiert. Aus dem einst unberechenbaren Steppensee wurde damit ein mehr oder weniger gezähmtes und reguliertes Gewässer.

Der Eindruck einer weitgehenden Natürlichkeit täuscht also. Was uns heute am Neusiedlersee als „Natur-Idyll“ erscheint, ist durchwegs durch – gewollte oder ungewollte – menschliche Einflüsse geprägt. Wir haben es hier mit einer anthopogen stark überformten und kontrollierten Wasserlandschaft zu tun, also vielfach mit einer Natur aus zweiter Hand. Mehr als die Hälfte der Seefläche ist heute verschilft, und das war nicht immer so. Das Schilf breitete sich erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark aus. Ursache waren anhaltende Niedrigwasserstände sowie steigender Nährstoffeintrag aus Landwirtschaft und Haushalten. Das ökologische Problem beschleunigter Verlandung ist zugleich ein Potential für neue Naturprozesse: Im Schilfdickicht finden zahlreiche bedrohte Tierarten ihr Rückzugsgebiet. Natürliche und kulturelle Dynamiken sind am Neusiedler See miteinander besonders eng verflochten. Aus dem starken Wandel der physischen Landschaft sowie ihrer gesellschaftlichen Wahrnehmung ergibt sich eine spezifische und mitunter paradoxe Gemengelage.

Nach dem Ersten Weltkrieg entstand politisch eine neue Situation. Mit dem Burgenland kam 1921 der größere Teil des Sees zu Österreich. Mit dem von burgenländischen Touristikern geprägten Slogan „Meer der Wiener“ sollten gezielt Gäste aus der näher gerückten Hauptstadt angelockt werden. Seine erste große Verbreitung fand der Werbespruch im Jahr 1927 im Titel einer Ausstellung des Landes Burgenland im Wiener Kaufhaus Gerngroß. Geschickt wurde dabei die Sehnsucht nach exotischer Ferne mit bequemer Nähe verknüpft. Im patriotischen Selbstbild der neuen Republik bildeten ja Schilfsee und Puszta den Gegenpol zur symbolisch dominanten Alpenlandschaft.  

Zu einer der wichtigsten Destinationen für die Wiener und Wienerinnen wurde, nicht zuletzt aufgrund der räumlichen Nähe zu Wien, der Ort Neusiedl am Nordufer. Im Laufe der 1920er Jahre entstand neben Rust oder Mörbisch auch hier eine neue und größere Badeanlage. Man errichtete sie auf Pfählen und in einiger Entfernung vom Ufer, um von Niedrigwasserständen unabhängig zu sein. Eine Strategie, die wieder aktuell werden könnte. Man bewarb das Bad mit dem Attribut „Großartiger, nervenstärkender Wellenschlag“ und nahm damit möglicherweise Bezug auf den damaligen kritischen Großstadtdiskurs. Die Seeterrasse bot bis zu 800 Personen Platz. Zur Verfügung standen zwei Restaurants: ein preisgünstigeres bei der städtischen Badeanstalt unter der Bezeichnung „Zum Meer der Wiener“ und eine noblere Anlage namens „Venedig am Neusiedlersee“.

Die Wirtschaftskrise und eine neuerliche Niedrigwasserperiode dämpften aber bald die Euphorie. Das „Meer“ der Wiener zeigte 1935 im Jahresdurchschnitt eine Wassertiefe von wenig mehr als 70 cm. Ein breiter Uferstreifen lag trocken bzw. bestand aus Schlamm. „Von den Anhängern, die der See in den wasserreichen Jahren besaß,  ist nicht viel übrig geblieben. Man riskiert, ausgelacht zu werden, wenn man ein Weekend am Neusiedlersee verbringen will (...)“ schrieb „Die Stunde“. So versuchten einige, saisonal umzuschwenken und den See als internationalen Wintersportplatz zu positionieren. Doch um 1940 kehrte das Wasser wieder zurück und erreichte sogar Jahrhunderthöhen.
Um 1960 gaben dann anhaltende Niedrigwasserstände erneut Anlaß für eine neue Welle von Bedrohungszenarien. In mehreren Wiener Tageszeitungen erschienen alarmierende Schlagzeilen wie „Nur mehr 10 Jahre Neusiedler See?“. Der touristische Boom der Wirtschaftwunderjahre setzte gerade ein. "Die sonnigen Weiten des Neusiedler Sees sind zum Dorado auch für die Segelsportler geworden, die freilich wiederholt auch die Launen dieses Riesengewässers zu spüren bekommen." Seit der Jahrhundertwende war der mittlere Wasserspiegel des Sees in der Tat um rund 60 cm zurückgegangen. Der aktuelle Zustand des Sees schien den Ansprüchen einer Freizeitgesellschaft, und speziell gewisser Nutzergruppen, immer weniger zu entsprechen. So manche Wasserbautechniker beabsichtigten den „todkranken“ See mit dem Bau eines Seedammes zwischen Illmitz und Mörbisch sowie unter Zuleitung von Wasser aus Leitha und Raab – damals schon – zu „retten“.

Doch man einigte sich auf die Erhaltung des Gewässers in seiner uns bekannten Form. Die Lösung bestand in einer bilateralen Schleusenregelung am Einserkanal im ungarischen Mexikopuszta. Mit ihrer Hilfe wird der Wasserstand des Sees seit 1965 konstant auf etwas höherem Pegelniveau gehalten. Die Schleuse wird nur zu Zeiten extrem hoher Niederschläge geöffnet, um Wasser aus dem See abzulassen. Mit den massiven Wasserschwankungen ist es seitdem vorbei – wohl eine zentrale Voraussetzung für die Popularität und verstärkte touristische Nutzung des Neusiedler Sees. Damit verschwand das Problem des Wasserstandes rasch aus der öffentlichen Wahrnehmung – bis auf weiteres.

Denn niederschlagsarme Jahre lassen immer wieder Austrocknungsängste und neue Regulierungspläne aufkommen. Nun ist es wieder so weit. Der Wasserstand des Neusiedler Sees bewegte sich vor kurzem auf dem niedrigsten Niveau seit 1965. Der menschengemachte Klimawandel mag die (ebenfalls künstliche) Stabilisierung des Sees und das lange Zeit bewährte Wasserregime in der Tat vor neue Herausforderungen stellen. Dabei meldet sich die „Natur“ des Steppensees gleichsam zurück, und wir werden uns vielleicht eine Zeit lang auf geringere Wassertiefen und mehr pannonischen Schlamm einstellen müssen. Dies betrifft verschiedene Berufs- und Interessensgruppen vor Ort freilich auf unterschiedliche Weise. Der erneut akut werdende launische Charakter des Steppensees führt aber letztlich zur Frage: Wie können oder wollen wir bei unserer Wirtschafts- und Lebensweise mit Unsicherheit und instabilen Umweltbedingungen umgehen?

Sándor Békési studierte Geschichte, Geographie sowie Wissenschaftstheorie und -forschung in Wien und ist seit 2004 Kurator am Wien Museum im Sammlungsbereich Stadtentwicklung und Topografie. Zahlreiche Publikationen und Forschungsarbeiten zum Thema Stadt-, Umwelt- und Verkehrsgeschichte.

Kommentar schreiben

* Diese Felder sind erforderlich

Kommentare

Keine Kommentare